Lichtmess 2019 – helle Köpfe treffen sich in Triesdorf

25.02.2019

Die Lichtmessveranstaltung in Triesdorf zeigte auch in diesem Jahr: Menschen machen sich auf den Weg neue Erkenntnisse und Ideen anzuhören, um für ihren Betrieb Chancen und Möglichkeiten zu identifizieren. Herr Bleisteiner konnte 400 Teilnehmer im voll besetzten Reithaus begrüßen.

Prof. Lutz wehrt sich in seiner Rede gegen eine Vereinfachung komplexer Sachverhalte in der Öffentlichkeit. Die Nahrungsmittelqualität sei heute auf einem hohen Niveau und Grund stolz auf die Arbeit der Landwirte zu sein. Als große Herausforderung sieht er die Aufgabe, auf unserer Erde 10 Milliarden Menschen zu ernähren. Verständnis zeigte er für junge Menschen aus Afrika. Heute sind alle weltweit vernetzt und können jederzeit auf ihrem Handy den Wohlstand in anderen Ländern betrachten. Es ist nur logisch, dass sie auch daran teilhaben möchten. Seine klare Position ist, wenn man auf durchschnittlich 1250 m2 landwirtschaftliche Fläche die Nahrungsmittel pro Individuum zu erzeugen hat und eine hochwertige und nachhaltige Ernährung sichern will, geht das nur mit Technik und Digitalisierung. Als Vorstandsvorsitzender der BayWa ist er als Global Player unterwegs. In Triesdorf gibt er den bayerischen Landwirten eine harte Nuss zu kauen: Preise werden nicht lokal, Preise werden von internationalen Händlern global gemacht. Jede Aktivität auf einem lokalen Markt irgendwo auf der Welt hätte Auswirkungen auf die Preise – egal ob in Bayern ein kleiner Betrieb Getreide verkauft oder „in China ein Sack Reis umfällt“. Seine Botschaft ist, auch wenn wir lokal zu Hause sind und möglicherweise in Hofläden einkaufen, die Preise werde an den Börsen gemacht. In Bayern eine Kleinteiligkeit der Landwirtschaft zu erhalten, ist für ihn eine soziale Frage und er appelliert an die Politik eine „vernünftige GAP“ ab 2020 zu gestalten. Für ökologischen Anbau sieht er nur begrenzte Märkte – es gäbe zu wenig Nachfrage, um im größeren Stil auf ökologische Landbewirtschaftung umzustellen.

Aus Sicht einer Medienfachfrau hat Frau Schneider gesprochen. Gleich zu Beginn hat sie klar gestellt, dass sie den Landwirten nicht aus der Seele sprechen könne, sondern die Stimmung der Gesellschaft erläutern werde. Sie sieht eine klare Diskrepanz zwischen Innen- und Außensicht der Landwirtschaft. Von außen betrachtet würde man wahrnehmen, dass die Bauern über hohe Produktionskosten und Bürokratie jammern, in schönen stattlichen Höfen und Häusern leben, im Fernsehen verzweifelt ein Frau suchen und Subventionen kassieren würden. Viele Menschen teilen die Landwirtschaft in Kleinbetriebe (mit Strohhaltung, Hörner-Kühen, Weide, kuschelig kleinen Ställen, Gras und Heu) und in Großbetriebe (mit tausenden Tieren, wenig Platz, auf Beton, zurechtgestutzten Tieren, Leistungsfütterung) ein. Trotz vieler Klischees in den Köpfen schließe die Berufsgruppe der Landwirte in Umfragen gut ab. Landwirt sei ein Beruf mit gesellschaftlicher Relevanz. Die Gesellschaft hat die Erwartung, dass Landwirte die Ernährung sichern und dabei Umweltkriterien einhalten. Doch in Umfragen glaubt nur die Hälfte der Befragten, dass dies in der Realität so ist.

Frau Schneider widerspricht der Meinung, dass früher alles besser gewesen sei. Schon vor 20 Jahren hat jeder Lebensmittelskandal, der es in die Medien geschafft hat, die Bevölkerung verunsichert. Ohne weitere Berichterstattung hätten die Menschen sich nach kurzer Zeit wieder sicher gefühlt. Heute holt sich die Gesellschaft ständig neue Informationen, sei es aus traditionellen Medien oder in Echtzeit aus den Sozialen Medien. Zudem sieht sie die Gefahr, dass immer genauere Messmethoden, mehr Skandale zu Tage bringen werden. Verschärfung, aber auch Chance, sieht sie in den sozialen Medien. Jeder kann aktiv werden. Viele Stadtmenschen kennen keinen Landwirt. Dies sei jedoch entscheidend für den Ausgang von Meinungsumfragen. Hier sieht sie die Landwirte gefordert. Jeder Landwirt könne das Gespräch mit Meinungs- Multiplikatoren suchen. Lehrer und Journalisten haben durchschnittlich eher eine kritische Einstellung zur Landwirtschat. Als Journalistin erlebt sie selbst, dass viele Kollegen keine Landwirte kennen und auch keinen Zugang haben. Den Journalisten werde vorgeworfen, sensationslüstern und negativ zu berichten. Landwirte sehen sich dabei oft als Opfer. Doch das Ziel der Medien ist, Aufmerksamkeit zu gewinnen indem sie über interessante Dinge berichten, positiv, wie negativ. Nur mit herausragenden Meldungen kann die Gunst der Leser, Zuhörer und Zuschauer gewonnen werden. Alltäglich Erfolgsgeschichten lassen sich nicht verkaufen. Deshalb schaffen es oft nur „negative Ereignisse“ in die Medien, egal ob Nahrungsmittelskandale, Flugzeugunglücke oder Schlägereien in Flüchtlingsunterkünften – das Normale wäre nicht interessant genug.

Medienmacher können sicher Bilder und Meinungen verstärken oder Ereignisse unter den Tisch fallen lassen. Doch wenn nichts da ist, z.B. Dioxinskandal, gäbe es auch nichts zu berichten. Nur wo Feuer ist, gibt es Rauch. Für den Umgang mit Meinungsmultiplikatoren, egal ob Lehrer, Politiker oder Journalisten empfiehlt Frau Schneider einen freundlichen und offenen Empfang. Der Kommunikator sei wichtiger als der Inhalt der Botschaft. Freundliche Signale helfen einer Botschaft Wirkung zu entfalten. Frauen wären oft die besseren Kommunikatoren, sie zeigen i.d.R. mehr Emotionen und wirken sympathischer. Für die öffentliche Meinungsbildung brauche man mehr realistische Bilder. Artgerechte Tierhaltung müsse erklärt werden. Sie fordert von den Landwirten mehr Transparenz, Offenheit und Respekt für „anderes Denkende“. Mit allgemeinen Verunglimpfungen würden sich Bauern keinen Gefallen tun. Ebenso schade das Wiederholen von „Stammtischparolen“ dem Image der Landwirtschaft. Medien sind Beobachter und Berichterstatter. Im Gegensatz zu einer Marketingagentur, die ein positives Image inszenieren will, greifen Journalisten heikle Themen auf – auch die der Landwirtschaft. Das wird auch in Zukunft so ein. Unser Land ist heute eine Sendung, die Menschen erklären will wie Landwirtschaft funktioniert und man wird weiter über kritische Themen berichten – sonst habe die Sendung ihren Auftrag verfehlt.

Triesdorfer Experten legten Fakten auf den Tisch:

Für Prof. Bauer ist klar, bei jedem genutzten Hektar Land verzichten wir auf Biodiversität! Dabei habe eine Produktionssteigerung pro Hektar wenig Auswirkung auf Biodiversität. Wer eine Fläche bewirtschaftet, hat eine ökonomische Ausrichtung. Unabhängig vom Produktionssystem soll das möglichst effektiv geschehen. Entscheidend sind für ihn die Ränder und die Regulation der Segetalflora.

Die Reduzierung von chemischen Pflanzenschutz wird als pflanzenbaulichen Konsens betrachtet. Der Fokus hat auf einer Beobachtung und Begrenzung von Rückständen in Wasser und Boden zu liegen. Eine Chance sieht Herr Bauer darin, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu reduzieren und die mechanische Bodenbearbeitung zu steigern. Und obwohl die mechanische Bodenbearbeitung oft negative Auswirkungen auf Erosion, Humushaushalt sowie Bodenbrüter und Laufkäfer hat, sei noch keine Resistenz gegen Stahl bekannt. Beide Systeme – konventionell und ökologisch stehen vor der Herausforderung ihre Fruchtfolgen zu optimieren, pflanzenbaulich und ökonomisch. Welche Entscheidungskriterien angelegt werden sollen, sind ebenso zu klären, wie die Wirkungsweisen der verschiedenen Maßnahmen im Blick zu behalten sind. Bei pflanzenschutzbasierten Systeme gilt es umzudenken. Es gilt Aufwandmengen zu reduzieren, z.B. durch teilflächenspezifischen Pflanzenschutz. Er fordert bei Vertretern aller Systeme die Offenheit, über Alternativen wie den Einsatz von Kalkmilch, Ascorbinsäure, usw. nachzudenken. Es gelte Vermehrungszyklen von Schädlingen und Segetalflora zu stören. Achtsamkeit ist vor allem im Hinblick auf mögliche Resistenzen gefordert. In manchen Fällen hat man über eine Änderung der Fruchtfolge die Chance Zyklen zu unterbrechen. Hier ist eindeutig ein „höheres Können der Landwirte“ gefordert. Prof. Dr. Peter Breunig erläuterte in seinem Vortrag die Nachhaltigkeit verschiedener System. Mit Studierenden der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf hat er Modellrechnungen zu verschiedenen Wirtschaftssystemen kalkuliert. Gerechnet wurde auf der Basis von 150 ha Ackerbau, ohne Tierhaltung. Die Varianten Konventionell, Öko 1 (mit Kleegrasverwertung über Biogasanlage und geschlossener Nährstoffbilanz) Öko 2 (Kleegras ohne geschlossen Nährstoffkreislaus, Zukauf von Patentkali und Carbokalk) wurden auf ihre ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit untersucht.

Die ökologische Nachhaltigkeit berücksichtigt eine ausgeglichene Nährstoffbilanz bei Stickstoff, Phosphor und Kali, untersucht die Humusbilanz, die Wassereffizienz und mögliche Auswirkungen auf Wasser, Boden und Biodiversität. Für ökologisch wirtschaftende Betriebe ist es, bei entsprechenden Verbandsrichtlinien erlaubt, mit Biogasanlagen zusammen zu arbeiten und Düngemittel wie Carbokalk, Grüngutkompost und Kalimagnesia einzusetzen. Für Ökobetriebe ist die Nutzung von Kleegras eine der Herausforderungen. Das Kleegras zu mulchen bringe eine deutlich geringere N-Fixierung. Bei Humusbilanz und Energieeffizienz schneiden die Öko-Varianten besser ab. Rechne man jedoch die Energieeffizienz für die erzeugten Megajoule pro Getreideeinheit sind kaum Unterschiede festzustellen. Im Bereich Soziales bzw. Arbeitseinsatz unterscheiden sich die konventionelle und die Öko-Variante 2 (mit zweijährigem Kleegrasanbau) wenig, mehr Arbeitsaufwand macht in der Öko-Variante 1. Unterschiede gibt es bei Erträgen, Preisen und Absatz. Aus heutiger Sicht ist die Umstellung auf das ökologische System ökonomisch attraktiv für Ackerbaubetriebe. Entscheidend wird die Marktentwicklung, vor allem für ökologische Produkte sein. Wie weit lässt sich der Absatz von Bioprodukten in Deutschland ausdehnen? Für Ökobetriebe ermöglichen Biogasanlagen durch die Kleegrasnutzung eine Optimierung des Nährstoffkreislaufs im Ackerbau, doch wie wird sich die Lage der Biogasanlagen entwickeln? Prof. Breunig sieht in Fruchtfolgegestaltung und betrieblicher Organisation Gestaltungsspielräume. Entscheidend sei, wie genau Timing und Präzision im Ackerbau realisiert werden. Man müsse zukünftig eine Offenheit für Ideen „Out of the Box“ entwickeln.

Prof. Dr. Noack referierte zu Entwicklung von Technik und Auswirkungen. Er forderte die Zuhörer mit einer kleinen Lehrstunde in Entropie (Maß für die Unordnung), Wahrscheinlichkeit und Energie heraus. Von der Annahme ausgehend, dass Ordnung ein unnatürlicher Zustand ist, stellt er seine Thesen auf: Pflanzenbau setzt ein hohes Maß an Ordnung voraus! Denn die Wahrscheinlichkeit, dass auf einem Quadratmeter Nutzfläche zufällig 10 Weizenpflanzen wachsen beträgt nach seiner Rechnung nur 0,0005%! Ohne Energiezufuhr wäre das statisch gesehen alle 200000 Jahre der Fall. Sein Fazit, um Ackerbau zu betreiben muss in jedem Fall Energie aufgewendet und eingesetzt werden – egal in welchem System, bei ökologischer und konventioneller Landwirtschaft. Unterschiede gibt es in der Art und Weise wie diese Ordnung hergestellt wird. Grundprinzip einer pflanzenbaulichen Bewirtschaftung ist immer: Input (Energie) erzeugt Output (Ertrag). Der Landwirt als Ökonom wird immer versuchen, den Aufwand zu minimieren und die Erträge zu maximieren. Gerade im Pflanzenbau bieten verschiedene Strategien die Möglichkeit Aufwandmengen einzusparen. Beispiel dafür sind teilflächenspezifische Fungizidbehandlung, punktuelle Unkrautbekämpfung und Unkrauterkennung. In der Hacktechnik können zukünftig Hackroboter, Hackgeräte mit Kamerasteuerung, rotierende Hacken oder auch hacken im Kreuzverband an Bedeutung gewinnen. Bei der Düngung setzt er auf Einsparungen durch teilflächenspezifische Düngung mit Hilfe von Stickstoffsensoren oder Gülleausbringung mit NIRS Technik. Ein andere Hinweis: „Mechanische Unkrautbekämpfung ist auch im konventionellen Landbau nicht verboten!“

Herr Heinz, Leiter Pflanzenbau der Lehranstalten Triesdorf, warf die Frage auf: „Ist Biodiversität – das neue Öko?“ Er fordert einen Biodiversitätsindex! Aufmerksamkeit erregte die Meldung, dass bei der Neubewertung der Greening Maßnahmen für die GAP 2020 festgestellt wurde, dass Ökobetriebe nicht durchweg besser als die konventionellen sind – auch sie können Schwächen bei Strukturelementen oder in der Nährstoffbilanz haben. In der Praxis fordert Heinz, dass in die Bewirtschaftung Blühstrukturen integriert werden. Dass dies in vielen Fällen ohne wesentliche Nutzungsbeschränkung gehen kann, können viele Praktiker nachvollziehen. Wer kennt das nicht – unwirtschaftliche (Teil-) Flächen, die schlecht erreichbar sind, Flächen mit geringem Ertragspotential. Ergänzende Strukturen in der Landschaft bieten nachhaltig Rückzugsorten und Futter für Insekten. Das Blühflächenpotential der landwirtschaftlich genutzten Flächen kann durch die Gestaltung der Fruchtfolge gesteuert werden. Eine Herausforderung sieht er im Sommer. Gerade dann ist es wichtig, Blühstrukturen zu schaffen. In Triesdorf wird Biodiversität als eine gesellschaftliche Aufgabe, die viel Kommunikation erfordert, angepackt. Bei den Landwirten sieht er die Aufgabe, auf Emotionen aus der Bevölkerung einzugehen und in Gesprächen Hintergründe und Zusammenhänge zu erläutern. Biodiversität wird die Landwirte langfristig beschäftigen, hier entscheidet sich, nach seiner Auffassung, die „Lizenz zur Produktion“. Druck komme zunehmend von nationalen und internationalen Lebensmittelkonzernen. In der Branche laufen umfangreiche Zertifizierungsprozesse vom Zulieferer bis zum Verarbeiter. Auch ohne Gesetze werden dadurch Standards gesetzt.

Heinz fordert Indikatoren für eine ganzheitliche Betrachtung von Agrarökosystemen; ein gezieltes Monitoring, um tatsächliche Verbesserungen beurteilen zu können und einen Verbund von Flächen und Maßnahmen. Es gilt eine Nutzwertanalyse Biodiversität zu erstellen und festzulegen, welche Kriterien mit welcher Ausprägung gewichtet werden. Das Bildungszentrum Triesdorf versteht sich als Motor für eine Biodiversitätsstrategie. Hier werden neue Ansätze entwickelt, in der Praxis umsetzt und als Anschauungsmodell in die Regionen und Kommunen gebracht. Indikatoren werden mit Vertretern der Wissenschaft erarbeitet, Demonstrationsflächen angelegt, betreut und ausgewertet sowie ein Monitoring Konzept erstellt. Erkenntnisse und Beispiele dienen zur Motivation von Landwirten, Verbrauchern und Kommunen in ganz Bayern. Biodiversität geht Jeden an – Jeder hat Möglichkeiten vor seiner eigenen Tür und in seinem eigenen Verhalten.

Auf dem Podium diskutierten neben den Referenten auch zwei Landwirte, mit ökologischer und konventioneller Ausrichtung, mit. Die Praktiker betonten die Bedeutung wichtige Stellschrauben. In jedem Fall hat der Unternehmer für sich Entscheidungen zu treffen, will und kann ich mit Tierhaltung arbeiten, welches System passt zu meinen Bodenverhältnissen und meiner betrieblichen Situation, wie entwickeln sich möglicherweise Absatzwege und Märkte. Klar wurde auch, dass das ökologische System langfristig ohne Tierhaltung an Grenzen kommen kann.

Frau Schneider fordert nochmals eine offene, authentische und respektvolle Diskussion. Eine Auseinandersetzung auf Augenhöhe, beginne immer mit der eigenen Haltung, die ich meinem Gegenüber durchklingen lasse. Sie forderte die Zuhörer auf, selbst auf Sendung zu gehen und Meinung zu gestalten – ganz nach dem Prinzip – „Ich erkläre Dir, warum ich meine Arbeit so mache!“

In seinem Plädoyer zum Abschluss betonte Herr Bleisteiner, dass die Akteure in Triesdorf immer den Menschen im Blick haben. Es gelte auf der Basis von Fakten und Ergebnissen neutral zu informieren. Aus- und Fortbildung ist die Kernkompetenz in Triesdorf!

(Annette Schmid)