Klimaschutz beginnt bei der Urproduktion

28.12.2020

Interview mit Markus Heinz, Leiter der Abteilung Pflanzenbau und Versuchswesen

Die Landwirtschaft gilt unter anderem als Mitverursacher des Klimawandels, denn sie trägt mit sieben Prozent zum Ausstoß von Klimagasen, im wesentlichen Lachgas und Methan, bei. Lachgas entsteht vor allem durch mineralische und organische Düngung, der Ausstoß an Methan wird weitestgehend durch die Tierhaltung verursacht. Als logische Konsequenz wird oftmals diskutiert, die Tierbestände in Deutschland abzubauen, um damit die Klimaschutzziele sehr schnell erfüllen zu können. Markus Heinz, Leiter der Abteilung Pflanzenbau und Versuchswesen, stellt Probleme und Lösungen zu den Themen Klimaschutz und Landwirtschaft dar.

Welche Möglichkeit gibt es für die Landwirtschaft etwas aktiv gegen den Klimawandel zu tun?

(MH): Wir müssen dafür sorgen, dass wir den Ausstoß der Klimagase reduzieren. Neue Düngestrategien helfen beim Lachgas, zudem muss die Applikationstechnik angepasst werden. Bei Methan ist die Bewegung gegenläufig. Wir wünschen mehr Tierwohlställe, also offene Ställe mit Auslauf, hier werden klimaschädliche Gase jedoch eher mehr als weniger. Man kann aber berücksichtigen, dass Methan eine sehr kurze Halbwertszeit hat, es wird in der Atmosphäre abgebaut, also es bleibt nicht stabil. Man kann den Anteil an Methan mit der Schaumdicke in der Badewanne vergleichen. Solange der Tierbestand gleich bleibt, bleibt auch die Schaumdicke gleich, bauen wir Tierbestände ab, wird auch die Schaumdicke immer geringer. Das bedeutet, dass durch die Tierhaltung derzeit nicht zu einer Verschlechterung beigetragen wird. Zumal man bedenken muss, dass ein Abbau der Tierbestände in Deutschland, einen Aufbau in einer anderen Region nach sich ziehen würde. National wäre es zwar ein richtiger Schritt, international gäbe es keine Auswirkungen.

Welche Lösungen gibt es für die Landwirtschaft?

MH: Als Verursacher können wir gleichzeitig Teil der Lösung sein. Der Humus im Boden ist ein Kohlenstoffspeicher. Durch bestimmte Bewirtschaftungsmethoden und damit einer Steigerung des Humusgehalts kann man den Boden oder die landwirtschaftliche Nutzfläche als Kohlenstoffsenke sehen. Somit ist die Landwirtschaft sowohl Verursacher aber gleichzeitig auch Löser.

Was wird in Triesdorf dazu gemacht?

MH: In Triesdorf untersuchen wir konsequent unsere Böden auf den Humusgehalt, um einen Status quo festzulegen. Unsere derzeitige Bewirtschaftung lässt langfristig eine Steigerung der Humusgehalte erwarten: Wir bauen sehr viele Zwischenfrüchte an, setzen Festmist und Kompost als Dünger ein und haben einen hohen Anteil an mehrjährigem Feldfutterbau. Neben Biomassebestandteilen, die sehr schnell abgebaut werden und dadurch Nährstoffe mobilisieren, sichert diese Bewirtschaftung auch, dass wir langfristig schwer abbaubare Biomasse erzeugen, die zum Humusaufbau beiträgt. Allerdings geschieht das nicht von heute auf morgen. Die Kombination aus Klimaschutz und Biodiversität könnte hier zukünftig eine entscheidende Rolle spielen. Es ist ein Ziel, durch Bewirtschaftung Humusaufbau und Artenvielfalt in Einklang zu bringen.

 Ist Humusaufbau die Ultima ratio?

MH: Humusaufbau darf man sich nicht einfach vorstellen. Mit einem Prozent Humussteigerung im Boden können wir 50 - 90 Tonnen CO2 speichern, aber es dauert etwa eine Generation um den Humusgehalt um ein Prozent zu steigern. Ökobetriebe haben meist eine bessere Humusbilanz als konventionelle Betriebe, das liegt vor allem daran, dass sie einen erhöhten Anteil an Ackerfutter anbauen, hauptsächlich Leguminosen wie Klee oder Luzerne. So wird die Humusbilanz per se besser. Würden die konventionellen Betriebe das auch in der Form machen, wären die Ergebnisse gleich. In Konsequenz bedeutet das, dass die Bewirtschaftungsmethode geändert werden muss. Wir müssen womöglich die Fruchtfolgen anpassen und sogar neue Kulturen anbauen. Hier gilt es dann auch neue Vermarktungswege zu erschließen, denn 100 Prozent Blühfläche oder Grasanbau machen uns nicht satt.

Gibt es konkrete Handlungsmöglichkeiten für die Landwirte?

MH: Das Thema ist hier freiwillige CO2-Kompensation. Durch die Idee der Kohlenstoffspeicherung im Boden könnte man einen regionalen CO2-Ausgleich machen, an dem sich Firmen des vor- und nachgelagerten Bereichs der Landwirtschaft beteiligen. Das heißt, man muss die Urproduktion, die Verarbeitung, den Handel mit ins Boot nehmen, um so Produkte CO2-neutral zu machen.

Ist diese Idee bei den Landwirten schon angekommen?

MH: Die Landwirte sind bereit, wir haben sehr viele Anfragen, zahlreiche Landwirte möchten in dieses Geschäftsmodell einsteigen. Es sind aber noch viele Punkte offen, weil die Analytik noch ausreifen muss und neue Bewirtschaftungsmethoden erprobt werden müssen. Hier gilt es in den nächsten Jahren Lösungsansätze in der Bewirtschaftung zu finden. Weiterhin muss geklärt werden, ob regionale Unternehmen aus dem vor- und nachgelagerten Bereich – Landtechnikindustrie, Lebensmittelverarbeitung –, auch bereit sind, den CO2-Ausstoß innerhalb der Wertschöpfungskette Landwirtschaft auszugleichen und das zu einem Preis, bei dem beide Parteien Vorteile haben.